Gegen trans*feindliche Berichterstattung, für einen respektvollen und sachlichen Umgang!

Mit Besorgnis nehmen wir – Trans*-Organisationen und Unterstützer*innen – problematische Tendenzen in der aktuellen Berichterstattung wahr: Zunehmend werden Medienbeiträge veröffentlicht, in denen von “Trans* als Trend”, von angeblich unsicheren Frauenschutzräumen, von einer sogenannten “Trans*-Ideologie” oder von “Mädchen, die keine Mädchen sein wollen” die Rede ist. Diese Berichterstattungen gehen soweit, die Existenz von trans* Personen zur Debatte oder sogar in Frage zu stellen. Sie schüren Ängste und Hass gegenüber trans* Personen, ihre rechtliche Anerkennung und gesellschaftliche Gleichstellung, indem diese als “gefährlich” für die Mehrheitsbevölkerung dargestellt werden. Gleichzeitig erfahren trans* Personen überproportional viel physische und psychische Gewalt.

Journalist*innen und Medien kommt eine besondere Verantwortung zu. Sie sind dem Pressekodex verpflichtet, und unterliegen der journalistischen Sorgfaltspflicht. Sie tragen zudem einen wichtigen Teil zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Wir schätzen wert und nehmen als positiv wahr, dass einerseits immer mehr Journalist*innen ihre Kenntnisse zu Trans*-Themen ausbauen und Selbstvertretungen für Hintergrundgespräche, Interviews oder als Kommentator*innen anfragen. Doch zunehmend wird in Beiträgen ein verzerrtes und lückenhaftes Bild der vielfältigen Lebensrealitäten von trans* Menschen vermittelt, indem Bilder und Begrifflichkeiten von trans*feindlichen Bewegungen aufgegriffen werden. In der Darstellung von trans* Personen und auf trans* bezogene Themen mangelt es häufig an sorgfältiger Recherche und einer nuancierten Betrachtung der Diskriminierungen, mit denen trans* Personen konfrontiert sind. Unerwähnt bleibt z. B. die rechtlich, finanziell und sozial immer noch prekäre Lage von vielen trans* Menschen und ihre anhaltende [Psycho-]Pathologisierung. Wo es eine sachliche Auseinandersetzung und Aufklärung im Sinne einer demokratischen Gesellschaft und gleichgestellten Teilhabe bräuchte, tragen unkritisch übernommene Darstellungen zur Trans*feindlichkeit bei. Belegt ist, dass die Qualität der Berichterstattung zu Trans*-Themen die mediale Öffentlichkeit beeinflusst [Quelle: thehill.com].

Meinungsfreiheit ist ebenso wie die Würde des Menschen höchstes Gut für eine demokratische Gesellschaft. Sie umfasst allerdings nicht nachprüfbar unwahre Tatsachenbehauptungen und sie endet mit der Verletzung der Menschenwürde. Genau hier setzt die Verantwortung der Medien für eine tatsachenbasierte und menschenwürdige Berichterstattung ein. Deswegen appellieren wir an Medien, abwertende Meinungsäußerungen nicht unhinterfragt zu übernehmen.

Wohin trans*feindliche Berichterstattung führen kann, zeigt z. B. das abschreckende Beispiel von Großbritannien und den USA. In Großbritannien wurde Trans*feindlichkeit durch mediale Berichterstattung so salonfähig, dass Verbesserungen der Menschenrechte für trans* Personen bisher nicht umgesetzt werden konnten [mehr dazu bei pinknews oder CNN]. In Gesetzesbeschlüssen wie dem Konversionstherapieverbot von Schwulen und Lesben wurden trans* Personen sogar ausgeschlossen [Quelle: pinknews]. In den USA wurde innerhalb weniger Monate von 35 Staaten trans*feindliche Gesetzesentwürfe vorgelegt [Quelle: tracktranslegislation.com]. Verzerrte Berichterstattung kann dazu beitragen, dass Suizidversuche und Mobbing insbesondere bei trans* Kindern und Jugendlichen steigen. Fast die Hälfte aller trans* Kinder und Jugendliche haben einmal ernsthaft Suizid in Erwägung gezogen und sind sechsmal wahrscheinlicher von Mobbing betroffen [The Trevor Project und Cornell University].

Wir wollen trans*feindlicher Berichterstattung in Deutschland etwas entgegensetzen:
1. Wir fordern Einordnung und Ausgewogenheit.
2. Wir fordern eine respektvolle und menschenwürdige Berichterstattung, die Diskriminierung entgegenwirkt.
3. Wir fordern die Abbildung des aktuellen wissenschaftlichen Standes.
4. Wir fordern sachlich und fundierte Berichterstattung.
5. Wir fordern, dass Trans*- Selbstorganisationen verstärkt als kompetente Ansprechstellen genutzt werden.
6. Wir fordern, auch in den Medien Trans*feindlichkeit als Problem für eine demokratische Gesellschaft zu benennen.

1. Wir fordern Einordnung und Ausgewogenheit.

Wir fordern eine ausgewogene und einordnende Berichterstattung. Zu oft wird auf fragwürdige Quellen zurückgegriffen, deren Behauptungen zwar “schlagzeilentauglich”, aber wissenschaftlich sehr umstritten sind. Solche umstrittenen Einzelmeinungen erhalten somit verhältnismäßig große Aufmerksamkeit und Gewicht, und spielen damit falscher Ausgewogenheit [“False Balance”] in die Hände. Auch sparen sich viele Medien zu oft fundiert recherchierte Einordnungen. Anbei einige aktuelle Beispiele:

● Interviews und/oder Beiträge mit dem Münchner Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Alexander Korte ohne wissenschaftlich fundierte Einordnung: z. B. taz, BR, Die Welt [etwa im Januar oder im Juni 2022]. So wiederholt er in Medien die Erzählung, dass Trans*geschlechtlichkeit plötzlich im Jugendalter auftrete [eine angebliche “Rapid Onset Gender Dysphoria”, “ROGD”], eine “Theorie”, von der u. a. die American Psychiatric Association, der weltweit größte Fachverband in der Psychiatrie, deutlich Abstand abnimmt . Hier eine beispielhafte empirische Studie, welche die “ROGD”-Hypothese getestet hat. Während Korte unverhältnimäßig oft von den Medien befragt wird, hat die Bundespsychotherapeutenkammer zuletzt eine Resolution für den “Abbau von struktureller Diskriminierung gegenüber trans Menschen” verabschiedet. Aber: Über diese trans*akzeptierende Errungenschaft berichtete kein einziges Leitmedium, aber queer.de berichtete.

● Berichterstattung zu Alice Schwarzer: So durfte Alice Schwarzer die Werbetrommel für ihr trans*feindliches Buch rühren, das sich als Fachbuch inszeniert. Von einer ausgewogenen oder gar differenzierten Auseinandersetzung mit Trans*geschlechtlichkeit kann darin aber nicht die Rede sein. Das Buch versammelt ausschließlich Beiträge, in denen trans*feindliche Vorstellungen vertreten werden. Trans* Personen wird ihre Fähigkeit abgesprochen, über das eigene Geschlechtsempfinden Bescheid zu wissen, und Ängste vor trans* Personen als Täter*innen werden geschürt. Die Herausgeberinnen machen damit Stimmung gegen das geplante Selbstbestimmungsgesetz, das trans* und inter* Personen die Änderung des Namens und Geschlechtseintrags erleichtern soll [bspw. DIE ZEIT, Kritik am Buch findet sich u. a. beim BVT*, beim LSVD oder bei TransInterQueer].

● Berichterstattung zu Kathleen Stock: Kathleen Stock ist eine britische Philosophieprofessorin, die Geschlecht rein biologistisch begriffen haben möchte . Ihrem trans*feindlichen Buch wurde von etlichen Leitmedien in Interviews und Meinungsbeiträgen eine Plattform gegeben, ohne Einordnung [Negativbeispiele gibt es u. a. bei Spiegel und ZEIT]. Der Beitrag “Wenn Medien vor lauter Empörung nicht mehr den Konflikt erklären” von Übermedien hat sich kritisch mit dieser Berichterstattung auseinandergesetzt [und eine kritische Rezension von Stocks Buch gibt es z. B. bei thelittlequeerreview].

2. Wir fordern eine respektvolle und menschenwürdige Berichterstattung, die Diskriminierung entgegenwirkt.

Respektvolle Berichterstattung umfasst, keine eindimensionalen Bilder von trans* Personen zu vermitteln, sie und ihre Selbstvertretungsorganisationen mit einzubeziehen, mit ihnen statt über sie zu sprechen, und sie in ihrer Würde und in ihren Rechten zu achten. Doch oft ist die Berichterstattung entwürdigend, werden durch hinzugezogene angebliche “Expert*innen” haltlose Ängste geschürt, menschenverachtende Meinungen nicht eingeordnet und die Existenz von trans* Personen in den Medien “debattiert”. Wie Journalist*innen auch sprachlich angemessen zu Trans*-Themen berichten können, zeigen mehrere Handreichungen auf: Ein paar Beispiele für eine respektvolle Sprache: In der Berichterstattung sollte das Pronomen verwendet werden, das die Person für sich selbst nutzt. Der abgelegte Name sollte nicht erwähnt werden, es sei denn die Person wünscht dies ausdrücklich selbst. Trans* sollte als Adjektiv und statt “transsexuell” sollte lieber “trans*” als Sammelbegriff genutzt werden. [Weitere Informationen: Broschüren von TrIQ: “Trans in den Medien”, TGEU “Guide for Journalists” (auf englisch), TGNS: Medienguide und vom BVT* “Trans ganz einfach”].

3. Wir fordern die Abbildung des aktuellen wissenschaftlichen Standes.

In der Biologie wird Geschlecht vielfach als ein Spektrum und mehrdimensional betrachtet: Es gibt mehr als zwei Geschlechter und Geschlecht setzt sich aus vielen körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen zusammen [Nature.com]. Der Fokus der Berichterstattung über trans* Personen sollte auf der Geschlechtsidentität liegen, und nicht auf Genitalien. Die geschlechtliche Identität ist in der Psychologie das tiefe innere Wissen um das eigene Geschlecht. Die Geschlechtsidentität ist als Teil von Geschlecht und Persönlichkeit auch rechtlich schützenswert [hlcmr.de]. Während in der Medienberichterstattung oft lediglich Meinungen dargestellt werden, gibt es zu Behandlungsstandards und medizinischen Sichtweisen zum Thema Trans* einen gesicherten wissenschaftlichen Stand [mehr Informationen finden sich in der S3 Leitlinie der AMWF; im Buch “Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit” oder im “ICD-11” der WHO].

4. Wir fordern sachliche und fundierte Berichterstattung. Mythen nein, Aufklärung ja!

Trans* Personen sind in ihrem Geschlecht genauso gefestigt wie cis Personen – auch schon als Kinder [Quelle: ncbi.nlm.nih.gov]. Trans*geschlechtlichkeit tritt nicht plötzlich auf, sondern viele trans* Personen warten über Jahre, bis sie sich ihrem Umfeld anvertrauen und über ihre geschlechtliche Identität sprechen [Quelle: dji.de]. Trans*geschlechtlichkeit bedeutet, die eigene geschlechtliche Identität zu leben und eine unpassende Zuschreibung von sich zu weisen. Es geht daher nicht um einen “Trend”, wie es in manchen Beiträgen dargestellt wird, sondern um eine Errungenschaft politischer Kämpfe [mehr dazu von BVT* und von TransInterQueer]. Fälschlicherweise galt Trans*geschlechtlichkeit lange Zeit in der Psychologie und Medizin als “psychische Störung”. Mit der Verabschiedung des ICD-11 durch die WHO wurde Trans*geschlechtlichkeit offiziell entpsychopathologisiert [Quelle: WHO]. Trans* Personen sind Expert*innen: Keine Ärzt*in, keine Gutachter*in, kein Gericht weiß besser über die Geschlechtsidentität einer Person Bescheid als sie selbst [thieme-connect.de, Volltext als PDF hier].

5. Wir fordern, dass trans* Personen, insbesondere auch Trans*- Selbstorganisationen, in der Berichterstattung hinzugezogen werden.

Wir fordern eine respektvolle Berichterstattung, die trans* Personen als selbstbestimmte Personen anerkennt und ihre Expertisen mit einbezieht. Berichterstattung sollte über unterschiedliche individuelle Erfahrungen von trans* Personen hinaus rechtliche, medizinische und soziale Bedingungen benennen, d. h. über “Einzelschicksale” hinaus einordnen. Wir als Trans*-Selbstorganisationen stellen unser Wissen über rechtliche, soziale, medizinische Hintergründe gerne zur Verfügung – ob mittels Interviews, Hintergrundgesprächen, Kommentaren, rechtlichen Einordnungen oder der Vermittlung von Interview- und Gesprächspartner*innen.

6. Wir fordern, auch in den Medien Trans*feindlichkeit als Problem für eine demokratische Gesellschaft zu benennen.

Desinformationen über trans* Menschen, Erzählungen über “Gender-Ideologie” und einen angeblichen “Trans*-Hype” werden aktuell in zahlreichen Ländern, auch in Deutschland, u. a. von antifeministischen, rechten und rechtsextremen sowie queerfeindlichen Akteur*innen verbreitet. Ziel dahinter ist, Ressentiments zu schüren und die Einschränkungen von Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechten aller Menschen zu begründen. Trans*feindlichkeit ist demokratiegefährdend. Wir appellieren an Journalist*innen, sich im Rahmen ihrer journalistischen Sorgfaltspflicht mit der Gefahr von Trans*feindlichkeit für die gesamte Gesellschaft auseinanderzusetzen, anstatt ohne jegliche Grundlage trans* Menschen als “Gefahr” darzustellen.

Unterstützende Organisationen [Stand: 24.06.2022, 18.00 Uhr]:

Falls dein/e Medium, Organisation, Verein auch gelistet werden soll, melde dich gerne. Die Liste wird fortlaufend aktualisiert.

● adis e. V.
● BiNe – Bisexuelles Netzwerk e. V.
● BLSJ – Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen e. V.
● Cistemkritik
● CSD Deutschland e. V.
● Deutsche Aidshilfe e. V.
● Die Buchkönigin
● Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V.
● diversity München e. V.
● Gender Equality Media e. V.
● GLADT e. V.
● HAKI e. V.
● Intergeschlechtliche Menschen e. V.
● Jugendnetzwerk Lambda e. V.
● Landesfachstelle Trans* im Queeren Netzwerk Niedersachsen e. V.
● Lesben- und Schwulenverband in Deutschland
● Lesbenberatung Berlin / LesMigraS
● Liberal-Islamischer Bund e. V.
● Netzwerk Geschlechtliche Vielfalt Trans* NRW
● Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg
● Neue deutsche Medienmacher*innen e. V.
● Nollendorfblog
● Prinz Eisenherz
● PROUT AT WORK-Foundation
● Queer Media Society
● Queer-Muslimische Beratung des Liberal-Islamischen Bundes e. V.
● Queer.de
● Queeramnesty Berlin
● QUEERKRAM
● RosaLinde Leipzig e. V.
● SchwuZ
● Sonntags-Club e. V.
● Stiftung Akademie Waldschlösschen e. V.
● TGEU
● the little queer review
● TIN-Rechtshilfe
● Trans-Kinder-Netz e. V.
● Trans* All e. V.
● Trans*Beratung Göttingen
● Travestie für Deutschland
● vielbunt e. V.
● WostoQ Regenbogen e. V.

Weitere Möglichkeiten der Unterstützung:

Teilt den Petitionslink innn.it/transmedienwatch in euren Netzwerken. Schreibt Kommentare oder Leser*innenbriefe und ordnet die Berichterstattung ein. Wir freuen uns, wenn ihr dafür den Hashtag #transmedienwatch benutzt.

Kontakt:
● Bundesverband Trans* [BVT*]: Gabriel_Nox Koenig (keine Pronomen), presse[at]bv-trans.de
● Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität [dgti]: Janka Kluge, (Pronomen sie), presse[at]dgti.org

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