Die Netz-Checkerin: Pamela Reifs zweifelhafte Eigenwerbung

Wer bei Instagram, YouTube, Facebook oder TikTok unterwegs ist, stößt häufig auf Angebote, die verlockend klingen: vom Abnehmpulver bis zur lukrativen Geldanlage. In unserer Serie nimmt Reporterin Judith Henke diese Produkte in den Blick. Was steckt dahinter, wie seriös sind sie?

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Deutschlands erfolgreichste Fitness-Influencerin strahlt von einem Ohr zum anderen. Pamela Reif, wie die junge, athletische Frau mit den langen, blonden Haaren heißt, ist stolz: Soeben hat sie einen neuen Haferriegel auf den Markt gebracht, Geschmacksrichtung „Chunky Chocolate“, wie sie unter ihren Instagram-Post verkündet. Ein gesundes Dessert, schreibt sie dort auf Englisch, fairtrade, vegan und 100 Prozent natürlich.

Ihre Fans sind begeistert. „Gleich bestellt“, schreibt eine Instagram-Nutzerin unter den Post und setzt ein Herz-Emoji dahinter. Sie könne es kaum erwarten, den Haferriegel zu probieren. Eine andere Userin bedankt sich sogar bei Pamela Reif für die „leckeren Produkte.“

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Ich muss zugeben: Bei der Aussicht, einen Haferriegel kaufen zu können, bin ich bisher noch nicht in Begeisterungsstürme ausgebrochen.

Und selbst bei Produkten, die ich wirklich mag, bin ich noch nie auf die Idee zu kommen, den Hersteller so sehr zu feiern, als hätte er gerade die Heilung gegen eine seltene Krankheit erfunden. Pamela Reif muss also wirklich ein außergewöhnliches Talent für Lebensmittel haben – oder?

Pamela Reif wirbt auf Instagram für das neueste Produkt ihrer Lebensmittelmarke

Pamela Reif wirbt auf Instagram für das neueste Produkt ihrer Lebensmittelmarke

Quelle: instagram.com/pamela_rf

Der Haferriegel ist nur eins von vielen Produkten der Marke „Naturally Pam“, die Pamela Reif im Herbst 2020 auf den Markt gebracht hat. Auf der Website der Marke wirbt die Fitness-Influencerin: „Was für mich selbstverständlich ist, ist es auch für Naturally Pam: natürliche Bio-Zutaten verpackt in möglichst nachhaltigen Materialen. Keine künstlichen Aromen, keine Konservierungsstoffe, keine Farbstoffe – und kein Rohrzucker.“ Zudem seien alle Produkte vegan und – damit wirbt sie zumindest – plastikfrei verpackt.

Klingt erst einmal super, deshalb hole ich mir in einem Drogerieladen einen der Proteinriegel der Marke: Den „Clean Protein Bar Coffee Hazelnut“, der mit 2,49 Euro für 42 Gramm eher im oberen Preissegment anzusiedeln ist.

Der Clean Protein Bar Coffee Hazelnut - laut Werbung mit hohem Proteingehalt und plastikfreier Verpackung

Der Clean Protein Bar Coffee Hazelnut – laut Werbung mit hohem Proteingehalt und plastikfreier Verpackung

Quelle: naturally-pam.com

Einen Kaffeegeschmack bemerke ich nicht, dafür schmeckt der Riegel nussig und eher salzig. Ganz in Ordnung – wie ein Proteinriegel eben so schmeckt. Doch 15 Minuten später das böse Erwachen: Für die nächsten zwei Stunden werde ich Bauchschmerzen haben.

Bin ich vielleicht einfach empfindlich? Ich lese mir Bewertungen, die Kunden auf den Websites der Online-Shops von „dm“ und „Rossmann“ hinterlassen haben, durch. Zumindest ein paar wenige andere hatten auch Magenprobleme nach dem Verzehr.

Unzufriedene Kunden

Aber was viel auffälliger ist: Viele der Kunden sind unzufrieden mit den Inhaltsstoffen des Proteinriegels. Er sei nicht gesund, habe zu viele Kalorien und zu viel Fett, schreiben sie – und zu wenig Protein.

Wenig Protein ist natürlich bei einem Riegel, der nach diesem Inhaltstoff benannt ist, eher suboptimal – deshalb vergleiche ich die Inhaltsstoffe des „Naturally Pam“ – Proteinriegels mit denen von anderen Riegeln, die es im Handel zu kaufen gibt.

Das Ergebnis meines Vergleichs: In elf der 15 Riegel, die ich mir zusätzlich zu Reifs „Clean Protein Bar Coffee Hazelnut“ angesehen habe, ist mehr Protein enthalten. Auch, was andere Faktoren wie Fett, Kalorien, Zucker oder auch den Preis angeht, schneidet der „Clean Protein Bar Coffee Hazelnut“ eher mäßig ab.

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Eine Fitness-Influencerin, die ein Sporternährungsprodukt anbietet, das im Vergleich zu anderen Produkten gar nicht so gesund wirkt? Das klingt widersprüchlich.

Schließlich wollen sicher viele der mehr als acht Millionen Menschen, die Pamela Reif auf Instagram folgen, so aussehen wie die hübsche Karlsruherin – und verlassen sich deshalb auf ihre Trainings-Tipps und Ernährungsprodukte.

Ernährungswissenschaftler raten von Kauf ab

Nach meinem ersten Vergleich spreche ich mit zwei Ernährungswissenschaftlern. Beide würden von Pamela Reifs „Clean Protein Bar Coffee Hazelnut“ eher abraten. David Fäh, Professor für Ernährung und Diätetik an der Berner Fachhochschule, erklärt: Rund 20 Gramm hochwertiges Protein sollte ein Sportler nach dem Training zu sich nehmen, damit sich seine Muskeln regenerieren.

Doch in Reifs Kaffee-Haselnuss-Riegel befinden sich nur 9,2 Gramm – dieser Bedarf sei also erst nach dem Verzehr von drei Riegeln vollständig gedeckt. „Da ist es sinnvoller, Magerquark – oder als Veganer Soja – zu sich zu nehmen“, sagt der Ernährungswissenschaftler. Rein pflanzliche Fitnessriegel seien aufgrund der Kombination von Zutaten wie Nüssen, Bohnen oder Erbsen zudem nicht für jeden gut verträglich.

„Mehr Fett, mehr Zucker und weniger Protein“

Auch Janin Henkel-Oberländer, Professorin für Biochemie in der Ernährung an der Universität Bayreuth, kann sich für den „Clean Protein Bar Coffee Hazelnut“ nicht begeistern – im Gegenteil: „Im Vergleich zu anderen Proteinriegeln enthält das Produkt von Pamela Reif mehr Fett, mehr Zucker und weniger Protein.“

Abgesehen davon zweifelt die Wissenschaftlerin ohnehin den Nutzen von Proteinriegeln an. Etwa 50 bis 60 Gramm Protein bräuchte ein etwa 70 Kilogramm schwerer Erwachsener. Im Schnitt würden Deutschen 90 Gramm Protein täglich zu sich nehmen – der Proteinbedarf sei also sowieso mehr als gedeckt, ganz ohne zusätzliche Riegel.

Das sagt das Unternehmen

Das, was die beiden Ernährungswissenschaftler hier sagen, klingt nicht danach, als sollte ich nach dem nächsten Training einen „Naturally-Pam“-Proteinriegel essen. Doch was sagt Pamela Reif selbst? Auf meine Fragen hat die Influencerin, die sonst sogar jedes kleinste Urlaubserlebnis mit ihren Followern teilt, nicht persönlich geantwortet.

Aber eine Mitarbeiterin von Naturally Pam hat auf meine Mail reagiert. Sie scheint nicht zufrieden mit meinem Rechercheansatz zu sein: „Einen Vergleich, was ‚gesünder‘ oder besser ist, finden wir sehr schwierig“, schreibt sie. „Unser Ziel ist es nicht, den höchsten Proteingehalt der Branche zu produzieren.“ Die Marke „Naturally Pam“ stünde vielmehr für „natürliche Inhalte in Bioqualität.“ Die Proteinriegel seien lediglich eine „weitere leckere Methode, Proteine zu sich zu nehmen.“

Pamela Reif wirbt auf der Website ihrer Marke mit Bio-Zutaten und nachhaltiger Verpackung

Pamela Reif wirbt auf der Website ihrer Marke mit Bio-Zutaten und nachhaltiger Verpackung

Quelle: naturally-pam.com

Und schließlich hat Pamela Reifs Marke „Naturally Pam“ ja nicht nur Proteinriegel im Angebot, sondern auch andere Snacks. Zum Beispiel die „Naturally Pam Chocolate“. Die komme ganz ohne Rohrzucker aus, wirbt Reif. Stattdessen soll Kokosblütenzucker für die nötige Süße sorgen.

Geschmacklich funktioniert das, denn die Schokolade schmeckt – zumindest mir – ziemlich gut. Doch macht es wirklich einen Unterschied, dass hier Kokosblütenzucker verwendet wird?

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Laut Pamela Reif schon: „Weißer Haushaltszucker hat sehr viele Kalorien, aber aufgrund der starken Verarbeitung keine Nährstoffe mehr“, heißt es auf der „Naturally-Pam“-Website. Außerdem lasse Kokosblütenzucker den Blutzuckerspiegel nicht so schnell steigen.

Nicht jeder ist derselben Meinung wie Pamela Reif. Ganz anders sieht das zum Beispiel Angela Clausen, Expertin für Lebensmittel bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Sie sieht bereits seit einiger Zeit kritisch, mit welchen Versprechen Influencer eigene oder fremde Produkte auf Plattformen wie Instagram bewerben. Auch ihr ist Pamela Reifs neue Lebensmittel-Marke aufgefallen.

Eine Süßigkeit wie jede andere

Ihr Fazit zur Schokolade: Eine Süßigkeit wie jede andere. Denn: „Kokosblütenzucker ist nicht besser als normaler Zucker“, erklärt Clausen. Weder würde Kokosblütenzucker bedeutsam mehr Nährstoffe enthalten, noch sei seine Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel erheblich gesünder.

Das seien höchstens minimale Unterschiede – nichts, was den vergleichsweise hohen Preis und die überschwängliche Werbung rechtfertige. Zudem sei der Fettgehalt von Reifs Schokolade verglichen mit ähnlichen Produkten recht hoch.

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Ob jemand, der regelmäßig bei „Naturally Pam“ einkauft, am Ende mit einer ähnlich tollen Figur wie die Influencerin belohnt wird, ist also fraglich. Doch Reif wirbt ja noch mit einer weiteren Sache: Der plastikfreien, biologisch abbaubaren Verpackung.

Negativpreis von Foodwatch

Mit diesem Verpackungskonzept hat Pamela Reif sogar den fünften Platz bei einem Verbraucher-Preis belegt: Dem „Goldenen Windbeutel.“ Doch das ist kein Grund, stolz zu sein: Denn damit kürt die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch jedes Jahr die dreisteste Werbelüge.

Organisiert wird diese Negativauszeichnung von Manuel Wiemann, der sich für Foodwatch mit legalen Verbrauchertäuschungen befasst. Auf die Werbung von Pamela Reif sei er jedoch nicht selbst gestoßen, sondern eine Praktikantin.

Vorwurf der Verbrauchertäuschung

Gemeinsam hätten sie die „Naturally Pam“-Versprechen unter die Lupe genommen. „Dabei haben wir bemerkt: Die Verpackungshinweise sind Verbrauchertäuschung. Pamela Reif wirbt damit, kein Plastik zu verwenden. Das ist faktisch falsch.“

Denn die Folie bestehe aus PLA, das sei ein Kunststoff – also falle das unter Plastik. Zudem werde PLA weder kompostiert noch recycelt, sondern verbrannt. „Das ist problematisch“, erklärt Wiemann. „Schließlich stecken in Plastikverpackungen Rohstoffe und Energie, weshalb sie so oft wie möglich wiederverwertet werden sollten.“

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Sven Sängerlaub, Professor für Verpackungstechnologie an der Hochschule München, findet zwar auch, dass Reif die Verpackung ihrer Produkte etwas zu positiv bewirbt, ist aber insgesamt etwas weniger streng als Foodwatch. Er würde PLA zwar auch als Plastik einordnen, allerdings bestehe dieser Kunststoff zumindest aus nachwachsbaren Rohstoffen, die CO2 aus der Luft binden.

„Anders als bei herkömmlichem Plastik, bei dem Erdöl und Ergas verwendet werden, besteht PLA aus Milchsäure, die zum Beispiel aus Maisstärke gewonnen wird“, sagt Sängerlaub. Allerdings habe sich PLA bisher noch nicht am Markt etabliert und werde daher in so geringen Mengen verwendet, dass es bisher noch nicht recycelt werde.

Baut sich sehr langsam ab

Das deutsche Recyclingsystem sei aber eine Besonderheit, in anderen Ländern wie Italien werde mehr auf biologisch abbaubare Stoffe gesetzt. Doch auch hier gebe es ein Problem: PLA sei zwar – wie Reif auch angibt – abbaubar. Allerdings baue es sich in der Umwelt nur sehr langsam ab. „Ich würde an Reifs Stelle nicht damit werben“, so sein Fazit.

„Naturally Pam“ hält indes an der Werbung fest. Die Verpackung erfülle alle Guidelines des Plastikfrei-Zertifizierers „A Plastic Planet“, so die Mitarbeiterin des Unternehmens.

Die Probleme von Plastik lägen in der Gewinnung aus fossilen Brennstoffen und der langen Halbwertszeit, beides löse die „Naturally Pam“-Verpackung. Und dafür, dass die Entsorger eine Kompostierung der Verpackung derzeit nicht umsetzen, gäbe es einen Grund: „Verbrennen bringt mehr Geld als Kompostieren.“

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